Ohne eine sichere Stromversorgung können Gesellschaft und Wirtschaft nicht funktionieren. Marc Ritter, CEO der AEW Energie AG in Aarau, zeigt auf, warum das Energiesystem sich gerade fundamental wandelt — und welche Rolle das Stromabkommen des Verhandlungspakets «Bilaterale III» spielt.
Herr Ritter, Sie arbeiten seit über zwei Jahrzehnten in der Energiebranche. Welche Umbrüche bestimmen das gegenwärtige und zukünftige Energiesystem?
Die Relevanz der Energieversorgung für unsere Gesellschaft ist mittlerweile in der breiten Bevölkerung angekommen. Kurz: Den meisten ist klar, dass der Strom nicht einfach so aus der Steck dose kommt. Das freut uns sehr und wir brauchen diese Sensibilisierung, um den Umbau des Energiesystems gemeinsam zu bewerkstelligen.
Verschiedene Treiber wirken auf den Umbruch. Da ist zuerst der vom Klimawandel geprägte Wille für die CO2-Absenkung, der u.a. damit verbundene Ausstieg aus Kohle- sowie Gaskraftwerken in manchen Ländern der Europäischen Union (EU) sowie die beschlossene langfristige Abschaltung der Kernkraftwerke, auch in der Schweiz. Ein zweiter Treiber sind die technologischen Entwicklungen im Bereich der erneuerbaren Energien wie Photovoltaik und Wind sowie die damit verbundene Kostendegression, sprich Wirtschaftlichkeit. Drittens ist da das gesellschaftliche Bedürfnis nach mehr Eigenversorgung oder Autonomie, um die Abhängigkeit gegenüber dem Stromlieferanten zu reduzieren. Diese Elemente führen zu den drei Megatrends Dekarbonisierung, Dezentralisierung und Digitalisierung, die seit längerer Zeit den Umbruch bzw. Umbau des Energiesystems bestimmen.
Ich komme aus einer Zeit, wo die Energie von zentralen Kraftwerken über das Stromnetz zu den Kunden geflossen ist. Mit der Dezentralisierung speisen Kunden heute mit ihren Photovoltaikanlagen teilweise Energie ins Stromverteilnetz zurück. Sie haben also einen Überschuss, den sie selbst nicht benötigen bzw. nicht lokal speichern können. Dies stellt die Netzbetreiber vor Herausforderungen im Bereich des sicheren Netzbetriebs und damit auch für die Gewährleistung der Versorgungssicherheit. Diese volatilen Effekte wirken auch grenzüberschreitend zwischen den mit Stromnetzen physikalisch verbundenen Ländern. Das heisst: Wir müssen zu den Erzeugungskapazitäten auch das Stromnetz für die Energiewelt der Zukunft ausrichten. Selbstverständlich darf man heutzutage das Risiko der Cyber-Kriminalität nicht ausser Acht lassen. Hier gilt es insbesondere, die kritischen Infrastrukturen vor Cyberangriffen zu schützen.
Was bedeuten diese Megatrends für die Versorgungssicherheit? Wie weit haben diese Trends den Markt bereits verändert?
Das Konsumentenverhalten hat sich gewandelt. Unsere Kunden entwickeln sich von reinen Konsumenten zu «Prosumern», also Produzenten und Konsumenten. Die Dezentralisierung führt dazu, dass wir als Verteilnetzbetreiber eine Vielzahl von Komponenten, die Wirkung auf unser Stromnetz haben, managen müssen. Dazu zählen insb. Photovoltaik-Anlagen auf kleinen und grossen Dächern, teilweise in Kombination mit Batteriespeichern, und die Zunahme der Elektro-Mobilität im Privat- wie auch im Transportsektor. Dies führt dazu, dass das Gebäude resp. die Gebäudenutzer zum aktiven Element im Energiesystem werden und das Verhalten in Zukunft integral für die Versorgungssicherheit mitgedacht werden muss.
Neben den technologischen und wirtschaftlichen Entwicklungen haben sich insbesondere die politische Haltung zu Technologien sowie die gesellschaftliche Akzeptanz für diese Produktionsformen gewandelt. Auch die vermehrten geopolitischen Störungen mit den damit verbundenen eingeschränkten Lieferketten von Energieträgern prägen die künftigen politischen Konzepte der Landesversorgung, auch für die Schweiz.
Wo steht die Schweiz als Strombezieherin und Handelspartnerin?
Die Schweiz ist technisch ein integraler Teil des EU-Stromnetzes und ein Transitland im Herzen von Europa. Die Transitverläufe an den Landesgrenzen zeigen seit Jahren ein ein nahezu gleiches Bild: In der Jahresbilanz importiert die Schweiz Strom aus Frankreich und Deutschland, nutzt diesen insbesondere im Winter für den Eigenbedarf und transportiert resp. exportiert ihn weiter nach Italien. Mit Österreich haben wir tendenziell eine ausgeglichene Jahres Handelsbilanz bei den Stromtransiten.
Was würde eine Ablehnung des Verhandlungspakets «Bilaterale III» und insbesondere des Stromabkommens für die Schweiz bedeuten?
Mit dem Paket der Bilateralen III haben wir erneut die Chance, ein Stromabkommen mit der EU zu schliessen. Nutzen wir diese nicht, droht die fortschreitende Isolation der Schweiz bei den (Handels-)Beziehungen. Hier wird die Schweiz sonst bei der Gestaltung des Strombinnenmarktes der EU ausgeschlossen bzw. wie ein Drittstaat behandelt. Dies bringt spürbare Nachteile für die Systemstabilität, Marktintegration und damit auch die Versorgungssicherheit. Ein Stromabkommen bringt der Schweiz auch viele Vorteile für die Umsetzung der Energiestrategie 2050 und wirkt kostendämpfend. Damit wir das EU-Stromabkommen abschliessen können, müssen wir unter anderem die vollständige Strommarktöffnung in der Schweiz umsetzen. Die AEW unterstützt diese, allerdings fordert sie eine schlanke innerstaatliche Umsetzung. Mit der vollen Marktöffnung haben die aktuell gebundenen Kunden eine Wahlmöglichkeit bei den Stromlieferanten. Neben der hohen Bedeutung für den Abschluss des Stromabkommens für den geregelten Stromaustausch mit den angrenzenden EU-Ländern ist es aber auch zentral, dass die Schweiz den Ausbau der inländischen Stromproduktion für den Erhalt bzw. die Steigerung des Eigenversorgungsgrades forciert.
Wie steht es um inländische Reservekapazitäten? Welche Probleme gibt es bei einer zusätzlichen inländischen Produktion?
Reservekraftwerke werden als Backup Lösungen gebaut, um bei einer drohen den Energiemangellage zum Einsatz zu kommen. Aktuell sind diese, neben vielen anderen Massnahmen im Netz- und Speicherbereich, in der Verbrauchsflexibilisierung oder den politischen sowie rechtlichen Verfahren, ein Puzzleteil der Energiezukunft. Sie gelten als Versicherung und verursachen somit Investitionskosten, die sich nur im Notfall rentieren werden. Der geplante Ausbau inländischer Produktionskapazitäten steht auf einem schwierigen Prüfstand. Hier sind die langwierigen Planungsprozesse, Auflagen für Ausgleichsmassnahmen, Wirtschaftlichkeit und vor allem die gesellschaftliche Akzeptanz diegrössten Hindernisse.
An welcher Stelle hakt es bei der Energiewende am meisten — und welche Rolle spielen zusätzliche Entwicklungen wie der Fachkräftemangel für die Energieversorgung?
Die Energiestrategie 2050 wurde in einer Volksabstimmung klar angenommen, dennoch wird die zusätzlich benötigte Infrastruktur vor der eigenen Haustüre kaum akzeptiert. Bei einem Windparkprojekt haben wir dies nach 15 Jahren Planungszeit jüngst selbst erfahren müssen — der geplante Bau der Windanlagen wurde von den Stimmbürgern in der Gemeindeversammlung schlussendlich abgelehnt. Dies war und ist sehr enttäuschend!
Es ist seit längerer Zeit spürbar, dass neben den klassischen Berufsbildern wie bspw. dem Netzelektriker der Arbeitskräftemarkt sehr trocken ist und die zunehmende Digitalisierung des Energiesystems neue Anforderungen an die künftigen Berufsbilder stellt.
«Die Schweiz ist technisch ein integraler Teil des EU-Stromnetzes und Transitland im Herzen von Europa.»
Was wünschen Sie sich, um die Energiewende und die Energiestrategie 2050 schneller voranbringen zu können?
An den technischen Lösungen liegt es aus meiner Sicht nicht. Zudem ist die Schweiz im Bereich Forschung und Entwicklung auch für künftige Technologien auf einer Top-Platzierung im europäischen Vergleich. Die finanziellen Mittel sind ebenfalls vorhanden. Die grössten Herausforderungen sehe ich darin, dass wir uns nicht in der Komfortzone ausruhen dürfen, nur weil wir glücklicherweise noch von keinen langen Stromausfällen betroffen sind. Wir müssen unseren Standard hochhalten, das heisst, weiter in die Infrastruktur investieren und den Zubau zulassen. Dies bedingt stabile politische Rahmenbedingungen, mit einer wirtschafts- und praxisnahen Regulierung, schnellere Verfahrensprozesse sowie die gesellschaftliche Akzeptanz. Klar ist, dass es für die Bevölkerung eine Frage von Schutz und Nutzen ist und diese Aspekte gegeneinander abgewogen werden müssen.
Ich freue mich im Namen der AEW Energie AG, die Umsetzung der Energiestrategie 2050 — zusammen mit vielen Initianten und Partnern — insbesondere im Kanton Aargau voranzutreiben. Zusammen können wir dazu beitragen, dass wir unsere künftige Energieversorgung mit regionaler Wertschöpfung (statt Importen) und vor allem CO2-neutral sicherstellen können.
Steckbrief:
Die AEW Energie AG ist ein selbstständiges Unternehmen des Kantons Aargau. Mit der sicheren und klimafreundlichen Energieversorgung leistet die AEW einen wesentlichen Beitrag zur Standortattraktivität und zur Lebensqualität in der Region. Sie strebt Klimaneutralität bis spätestens 2040 an. Als integrierte Energiedienstleisterin engagiert sich die AEW mit der Produktion von Strom und Wärme/Kälte sowie als führende Netzbetreiberin und Lieferantin für ihre Kunden. Für die Stromproduktion fokussiert die AEW auf Wasserkraft sowie Solar- und Windenergie. Zudem erbringt sie Dienstleistungen in netz- und energienahen Bereichen sowie in der Telekommunikation.
Marc Ritter ist seit über 25 Jahren in der Energiebranche tätig. Für die AEW Energie AG leitete er fast neun Jahre den Geschäftsbereich Energie und war Mitglied der Geschäftsleitung, bevor er Mitte 2022 zum CEO ernannt wurde. Davor war Ritter bei der E.ON in München tätig. Anschliessend übernahm er bei der BKW AG in Bern verschiedene Funktionen und wirkte in den letzten Jahren als Vertriebsleiter sowie als Mitglied der Geschäftsbereichsleitung Energie. Ritter nimmt zudem im Auftrag der AEW verschiedene Verwaltungsratsmandate in Beteiligungsgesellschaften wahr.
Artikel aus Opinomic in der Handelszeitung.
Autor: Rüdiger Schmidt-Sodingen
Bild: AWE