Die Schweizer müssten sich entscheiden, welchen Strommix sie wollten, meint der CKW-Chef Martin Schwab. Eines gehe jedoch nicht: den Bau neuer Kraftwerke abzulehnen und trotzdem genügend billigen Strom zu haben.
Der Strommarkt ist ein steter Quell der Sorge. Ist der Sommer zu dürr oder der Winter zu kalt, kann es kurzfristig zu Problemen kommen. Mittel- und langfristig droht der Schweiz in den Wintermonaten ohnehin eine erhebliche Stromlücke. Laut dem Schweizer Stromverband (VSE) lag der Stromversorgungsindex für das Jahr 2025 nur bei 69 Punkten, womit die Versorgungssicherheit aus heutiger Sicht nicht gewährleistet ist.
Martin Schwab gehört zu den wichtigsten Persönlichkeiten der Strombranche. Er ist seit dem Jahr 2018 der CEO des Energiedienstleisters CKW, der mehrheitlich zur Axpo-Gruppe gehört. Davor war er sieben Jahre Finanzchef der Axpo. Die CKW betreibt vor allem Wasserkraftwerke, ist aber auch an den Kernkraftwerken Leibstadt und Gösgen beteiligt. Derzeit fungiert Schwab zudem als Präsident des Schweizer Stromverbands.
Herr Schwab, haben der heisse Sommer und die lange Dürre der Schweizer Stromversorgung Probleme bereitet?
Wir konnten einzelne Wasserkraftwerke aufgrund des geringen Wasserstands nicht mehr am Netz halten, und die Produktion von zahlreichen anderen Wasserkraftwerken war tiefer als in normalen Sommern. Die Kernkraftwerke ohne Kühlturm, also Beznau 1 und 2, mussten wegen des warmen Wassers in der Aare teilweise abgeschaltet werden, um die Fischbestände zu schonen. Die Kernkraftwerke mit eigenem Kühlturm konnten weiterlaufen.
Gab es heikle Phasen bei der Stromversorgung?
Nein. Erstens ist der Stromverbrauch im Sommer tiefer als im Winter. Zweitens waren die beiden grösseren Kernkraftwerke planmässig verfügbar. Und drittens hatten wir eine sehr gute Solarproduktion, wenngleich die Netzintegration von Solarstrom durch die enormen Spitzen nicht immer einfach ist.
Das grosse Thema der Energieversorgung ist die sich ausweitende Winterstromlücke, weil die Solarenergie dann zu wenig Strom liefert und die bestehenden Kernkraftwerke irgendwann vom Netz gehen. Mit welchem Technologiemix sollte die Schweiz die Lücke schliessen?
Die Axpo hat im März die Energy-Reports veröffentlicht, mit denen sie Szenarien aufzeigt. Eine Kombination von Erneuerbaren und Gas oder Kernenergie statt Gas steht dabei im Vordergrund. Letztlich ist es ein gesellschaftlicher und politischer Entscheid, welchen Produktionsmix man innerhalb des technisch Machbaren will. Derzeit liegt der Stromverbrauch bei rund sechzig Terawattstunden pro Jahr, durch die Dekarbonisierung könnte er bis auf neunzig steigen.
Denken Sie beim Gas an Reservekraftwerke oder an Kraftwerke, die im Dauerbetrieb sind?
Idealerweise handelt es sich um Reservekraftwerke, die wir nur für extreme Wettersituationen brauchen. Wie viele dieser Kraftwerke in zwanzig, dreissig oder vierzig Jahren laufen, besonders ab dem Zeitpunkt, ab dem die Kernkraft ausser Betrieb ist, ist schwierig zu prognostizieren. In milden Wintern brauchen wir sie vielleicht gar nicht, in harten Wintern laufen sie vielleicht mehrere Wochen oder Monate. Als Versicherung sind sie aber sehr wichtig.
Und die Gaskraftwerke sollen mittelfristig wasserstofftauglich sein?
Der Betrieb mit klimafreundlichen Gasen wie Wasserstoff wäre perfekt. Ob diese irgendwann in ausreichender Menge und zu einem wettbewerbsfähigen Preis für unsere Volkswirtschaft zur Verfügung stehen, ist jedoch Stand heute unsicher.
Das Thema neue Kernkraftwerke wollen die Stromversorger am liebsten nicht anpacken, scheint es. Stimmt der Eindruck?
Die Strombranche will zur Versorgungssicherheit beitragen, dabei sind wir Technologie-agnostisch. Der Langzeitbetrieb der beiden bestehenden Kernkraftwerke Gösgen und Leibstadt ist die günstigste Variante, um während einiger Zeit den bestehenden Winterstrombedarf zu decken. Darum ist die Annahme des Gegenvorschlags der Blackout-Initiative so wichtig. Dieser würde das vom Stimmvolk beschlossene Neubauverbot für Kernkraftwerke aufheben. Es ist zudem einfacher, die benötigten Fachkräfte zu finden, wenn eine Technologie nicht verboten ist.
Viele Bürger wollen jedoch auch den CO2-Ausstoss minimieren. Da sind Gaskraftwerke kontraproduktiv.
In den Energy-Reports zeigen wir, dass der zusätzliche Ausstoss relativ gering wäre. Aber ja, sie stossen CO2 aus. Es ist zu hoffen, dass sie nur wenige Tage oder Wochen in Betrieb sein werden; in milden Wintern vielleicht gar nicht. Sie sind also eine Lebensversicherung für kritische Phasen. Und sicher ist: Je mehr Erneuerbare wir bauen können, desto weniger Gas-Produktions-Stunden sind nötig.
Wir werden in Zukunft sehr viel mehr Strom verbrauchen, aufgrund von Rechenzentren, Elektroautos und Wärmepumpen. Ist es wirklich realistisch, dass Gaskraftwerke nur wenige Wochen im Jahr laufen?
Entscheidend ist, dass wir immer genügend Optionen haben, um mit jedem Szenario umgehen zu können. Wenn wir in Not geraten, kann es richtig teuer werden. Das haben wir in der Energiekrise 2022 gesehen, als wir innerhalb von sechs Monaten ein Gaskraftwerk bauen mussten, das wir jetzt wieder zurückbauen. Wenn wir irgendwann feststellen, dass wir einen hohen Grundlastbedarf an Strom haben, weil wir den Verkehr und die Wärme vollständig dekarbonisieren, ist uns der Gasverbrauch vielleicht zu hoch. Dann wird die Diskussion über neue Kernkraftwerke aufkommen. Im Winter würde uns übrigens auch mehr Strom aus Windkraft und winteroptimierter Photovoltaik sehr helfen.
Viele Menschen mögen jedoch keine Windräder, jedenfalls nicht vor der eigenen Haustür.
Es ist nicht an der Strombranche, der Bevölkerung vorzuschreiben, welche Kraftwerke sie haben möchte. Wir wollen Optionen aufzeigen. Wenn man keine Windkraftanlagen möchte, braucht man mehr Grosskraftwerke. Ich möchte keine Diskussion führen, wonach Windkraft gut und Kernkraft schlecht ist – oder umgekehrt. Entscheidend ist der kluge Mix der Energieträger. Eines geht aber nicht zusammen: den Bau neuer Kraftwerke abzulehnen und trotzdem genügend und günstigen Strom haben zu wollen.
Wie viele Windräder könnten ungefähr ein Gaskraftwerk ersetzen?
Das hängt von der Leistung der Windräder und der Grösse des Gaskraftwerks ab. Sehr grob gesagt 200, in der Schweiz haben wir heute rund 50. Mit dem Unterschied, dass ein Gaskraftwerk auf Knopfdruck verlässlich Strom produziert.
Solaranlagen sind dagegen weithin akzeptiert. Gibt es davon inzwischen genug in der Schweiz?
Solar ist tatsächlich fast die einzige Technologie, die nicht auf Widerstand stösst. Sie ist gut und sehr wichtig. Und wir sind sehr froh, dass wenigstens diese Technologie ausgebaut werden kann. Wir müssen jedoch aufpassen, dass wir nicht zu stark nur auf eine Technologie setzen und nur diese zubauen. Solaranlagen produzieren nun einmal viel mehr im Sommer als im Winter. Wir brauchen jedoch mehr Strom im Winter. Daher sollten wir die Förderung der Solaranlagen auf den Winterstrom beschränken.
Würde alpine Photovoltaik, also grosse Solarfelder hoch oben in den Bergen, dem Strommix helfen?
Die Anlagen sind sehr teuer. Aus wirtschaftlichen Gründen ist der Ausbau meist unattraktiv. Trotz der Förderung von 60 Prozent sind die Produktionskosten in der Regel deutlich über den Marktpreisen.
Es gibt zudem sechzehn Projekte zum Ausbau der Wasserkraft in der Schweiz. Bei wie vielen von diesen ist die Umsetzung realistisch?
Die sechzehn Projekte stehen für zwei Terawattstunden Produktion. Bundesrat Rösti rechnet mit einer Projektrealisierung in der Grösse von einer Terawattstunde. Mengenmässig ist also die Hoffnung, dass man rund die Hälfte realisieren kann. Das klingt angesichts des sechzig- bis künftig vielleicht neunzigfachen Strombedarfs davon nach wenig und garantiert keine Versorgungssicherheit. Dennoch ist der Zubau der Wasserkraft im Strommix wichtig. Wir verlieren bei Neukonzessionierungen von bestehenden Wasserkraftwerken leider wegen strengerer Restwasservorschriften oft Produktionsvolumen. Falls wir über die nächsten Jahrzehnte unter diesen Bedingungen die Wasserkraft stabil halten können, ist dies bereits gut.
Laut Energiegesetz ist eine durch Importe schliessbare Winterstromlücke von fünf Terawattstunden erlaubt. Ist die Grössenordnung vernünftig?
Ja, denn fünf Terawattstunden kann man in der Not unter Schmerzen einsparen. Ich warne aber vor einer Importstrategie, bei der man auf den Import von zehn bis zwanzig Terawattstunden setzt. Wir sollten uns nicht darauf verlassen, dass wir jede beliebige Menge Strom immer importieren können.
Was bedeutet das für das Stromabkommen mit der EU?
Eine möglichst gute Einbindung unseres Stromsystems in Europa durch ein Stromabkommen ist extrem wichtig.
Die gesamte Strombranche setzt sich vehement für ein Stromabkommen mit der EU ein. Warum?
Je besser wir in Europa integriert sind, desto günstiger und sicherer ist der Strom. Unser staatlicher Netzbetreiber Swissgrid ist zum Beispiel nicht genügend in die europäischen Gremien eingebunden und kann bei der regulatorischen Standardsetzung deshalb zu wenig mitreden. Zudem gibt es immer wieder ungeplante Stromflüsse durch die Schweiz. Es wird daher schwieriger, unser Netz aufrechtzuerhalten. Zudem gilt: Je grösser ein Stromsystem ist, desto stabiler ist es, weil es unterschiedliche Kraftwerke gibt und der Ausfall eines einzelnen nicht mehr so relevant ist.
Es gibt Beobachter, die halten das Stromabkommen zwar für eine gute Sache, finden den Preis der sogenannten Bilateralen III dafür jedoch zu hoch. Was ist Ihre Meinung?
Der Vorstand des Stromverbands hat zu den Bilateralen III keine Position bezogen, wir beschränken uns auf die Position zum Stromabkommen. Ich möchte daher dazu nichts sagen. Der Vorstand befürwortet das Stromabkommen, fordert aber Verbesserungen bei der innerstaatlichen Umsetzung. Diese muss viel marktnäher und unbürokratischer sein. Auf ein sogenanntes Swiss Finish soll verzichtet werden, das heisst auf zusätzliche, im Abkommen nicht verlangte Regulierungen.
Die Schweiz ist bereits eng mit dem deutschen Strommarkt verwoben. Unser Nachbarland setzt stark auf erneuerbare Energien. Bringt das der Schweiz einen Nutzen oder Probleme?
Ich möchte mich eigentlich nicht zum deutschen Strommarkt und zum fast zeitgleichen Ausstieg aus der Kohleverstromung und der Atomkraft äussern. Generell kann man aber eines sagen: Wir sollten uns bei der Stromversorgung nicht von Ideologie leiten lassen, sondern eine sichere, günstige und nachhaltige Stromversorgung anstreben, ohne einzelne Technologien in den Himmel zu loben oder sie zu verteufeln. Der optimale Mix macht es aus.
Die Pumpspeicherwerke profitieren doch von der deutschen Strategie, da diese wie Batterien funktionieren. Deutschland verkauft Strom sehr billig in die Schweiz, mit dem die Pumpspeicher aufgeladen werden, und kauft ihn später teuer ein.
Das ist dem deutschen Produktionsmix mit sehr viel nicht steuerbarer Solar- und Windenergie geschuldet. Bei Überproduktion aufgrund günstigen Wetters muss Deutschland billig Strom verkaufen, bei Strommangel muss das Land teuer importieren. Die deutschen Im- und Exporte haben dadurch in den vergangenen Jahren stark zugenommen.
Was macht ein gutes Stromsystem aus?
Entscheidend ist eine Frage: Welches Gesamtsystem brauchen wir, um das Optimum bei der Stromproduktion im Hinblick auf Versorgungssicherheit, weltmarktfähige Preise und Nachhaltigkeit zu erreichen? Jedes Land muss schauen, welche Technologien welchen Beitrag für ein optimales Stromsystem leisten können, inklusive des dafür notwendigen Netzausbaus und des Austauschs mit seinen Nachbarn. Diejenigen Produktionsanlagen die am besten zu diesem Optimum beitragen, sollten wir bauen.
Derzeit wird aufgrund der niedrigen europäischen Füllstände der Gasspeicher viel über einen möglichen Gasmangel bei einem harten Winter diskutiert. Die CKW ist zwar nicht im Gasgeschäft tätig, dennoch die Frage: Wie schätzen Sie die Lage ein?
Europa befindet sich nicht in einer optimalen Situation. Die Speicher waren Anfang September nur zu 65 Prozent gefüllt – das ist der tiefste Stand seit fünfzehn Jahren. Wir werden den Winter voraussichtlich mit rekordtiefen Füllständen von 70 bis 73 Prozent beginnen. Damit ist Europa bei möglichen Schocks verwundbarer als auch schon. Diese Schocks können von der Angebotsseite kommen, etwa durch weitere Lieferunterbrüche beim Flüssiggas und Ausfälle bei den französischen Kernkraftwerken, oder von der Nachfrageseite, zum Beispiel durch einen grossen Kälteeinbruch.

Artikel erschienen in der NZZ: CKW-Chef Martin Schwab zur Förderung von Solaranlagen und zum Windkraftausbau
Autor: Michael Rasch
Bild: VSE